LESEPROBE: „Der Pfad zum Sonnenaufgang“ v. Werner J. Egli

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Wah-poo-eta, den die Amerikaner Big Rump nennen, muss mit seinem Volk kämpfen, um den Untergang der Yavapai-Apachen zu verhindern. Im Spätsommer 1869 befindet sich Big Rump mit einem Jagdtrupp in den Bradshaw Mountains. In diesem unwegsamen Berggebiet fühlen sich die Yavapai geborgen. Doch dann wird der Canyon im Herzen der Apacheria trotzdem zur tödlichen Falle.

Ein großer historischer Roman aus der Zeit der Indianerkriege.
Teil 3 der erfolgreichen Delgado-Saga. 

LESEPROBE:

Vorwort

1869 sollte sich im Krieg zwischen den Amerikanern und der Nation der Apachen im Südwesten der Vereinigten Staaten von Amerika einiges ändern, nachdem die Öffentlichkeit durch die Presse laufend von den skandalösen Zuständen erfuhr, die dort herrschten.

Beamte des Indian Bureau, des Innenministeriums, des Kriegsministeriums, Reservatsagenten, Armee-Offiziere und private Vertragspartner waren offenbar in eine Reihe von korrupten aber profitablen Machenschaften verwickelt, die in ihrer Art nur durch eine katastrophale Einstellung und eine chaotische Handhabung der Indianerpolitik durch die amerikanische Regierung überhaupt erst möglich waren. Die Leidtragenden waren die Indianer, die entweder in den Reservaten verkamen oder in der Freiheit zum gehetzten Wild wurden, während Regierungsgelder, die für die Rationen ausgegeben wurden, in den Taschen skrupelloser Geschäftemacher verschwanden.

Pressemitteilungen von Kriegsberichterstattern, die in Truppenverbänden der USArmee eingebettet waren, führten vor allem in den großen Städten im Osten des Landes zu Protesten, regierungskritischen Beiträgen in den Zeitungen und zu entrüsteten Protesten in der Bevölkerung. Um von Regierungsseite aus gegenzusteuern und die öffentliche Meinung wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, autorisierte Präsident Grant einen Ausschuss von Bevollmächtigten für Indianerangelegenheiten, der sich aus Persönlichkeiten zusammensetzte, deren hervorstechendste Wesensmerkmale Intelligenz und Menschenfreundlichkeit sein mussten. Dieser Ausschuss wurde mit einem breiten Spektrum an Vollmachten versehen und war schon bald überall im Westen äußerst rührig. Die Bevollmächtigten besuchten in bester Absicht die Indianer in den Reservaten und scheuten keine Mühen, selbst die entlegensten Dörfer aufzusuchen, um ihren armseligen Mündeln neue Kunde vom Großen Weißen Vater zu überbringen, dem Freund aller Menschen, egal ob rot, weiß oder schwarz. Das Fehlverhalten ihrer Vorgänger wollten sie mit neuen Versprechungen vergessen machen. Außerdem beschenkten sie die kriegsmüden, hungernden und in desolaten Zuständen lebenden Menschen gleich mit haufenweise unnützem Krimskrams und versprachen ihnen für die Zukunft ein wundervolles amerikanisches Paradies. Häufig zogen sie mit Friedensverträgen wieder ab, und im Osten der USA wurde verstärkt der Ruf laut, die kostspieligen und unmenschlichen Militäraktionen gegen die Ureinwohner des Landes endlich einzustellen und eine friedliche Reservatspolitik zu betreiben.

Grant hatte auch für diesen Ruf ein offenes Ohr. Er bestellte führende Männer der Kirchen und Missionsvereinigungen und die Vertreter privater Institutionen, die sich mit der Wohlfahrt des amerikanischen Indianers befassten, zu sich. Er ließ durch sie ein Verfahren ausarbeiten, das er in fast allen Punkten guthieß und das als Grants Friedenspolitik bekannt wurde, oft aber auch von Spöttern Grants Quaker Policy genannt wurde.

Während die Bevölkerung im Osten diesen Beitrag zum Frieden feierte, stand man ihm im Westen mit unverhohlener Ablehnung gegenüber. Im ArizonaTerritorium, in dem die USSoldaten den Siedlern kaum genügend Schutz bieten konnten, erfuhr die Politik des Präsidenten eine vernichtende Abfuhr. Sie wurde vom Gouverneurstisch aus genauso heftig und lautstark verurteilt, wie sie in den finstersten Kneipen der Städte, wo 7

sich der Abschaum des Landes traf und die blutigen Apachenskalps wie eine Ware gehandelt wurden, verhöhnt und verdammt wurde.

Die Weißen, die hier lebten und den Apachen das Land abjagen wollten, sahen die Lösung des Problems und die Eroberung der Apacheria nur in der totalen Ausrottung aller Indianer, die als heidnische Wilde angesehen wurden und deshalb ihrer Meinung nach keine Existenzberechtigung hatten.

Prescott, die Hauptstadt des Territoriums, Sitz des Gouverneurs, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Südwestens, war noch immer zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, weil die Yavapai und ihre nahen Verwandten, die Apachen, alle Zufahrtsstraßen überwachten und niemand passieren ließen. Für die Bürger der Stadt, für die Rancher und Farmer, die in Prescott Schutz suchten, und für die Prospektoren, die sich nicht mehr in die entlegenen Bergwerke der Bradshaw Mountains wagten, waren die Indianer nichts anderes als eine Plage, die den Fortschritt des Landes gefährdete. Für sie war das Leben eines Apachen nicht mehr wert als das einer Klapperschlange. Sie verließen die Stadt nur noch in Gruppen, bis an die Zähne bewaffnet und von blindem Hass getrieben. Sie sahen sich als Schutztruppen, gaben sich Namen wie YavapaiRanger und überfielen schutzlose Dörfer, töteten Frauen und Kinder, vernichteten die Behausungen der Apachen, ihr Hab und Gut und ihre Pferde und Maultiere. Die Apachen schlugen zurück, wo sich ihnen eine Gelegenheit bot, und das sinnlose Blutvergießen, für das eine Motivation zu finden oft schwer fällt, nahm schreckliche Ausmaße an.

Aber nicht nur die Weißen waren es, von denen die Apachen heimgesucht wurden. Ihre schlimmsten Feinde, die Maricopa und die Pima, überfielen regelmäßig ihre Dörfer, seit sie sich mit den Weißen verbündet hatten und ihnen die Armee Rückendeckung garantierte.

Einer der bekanntesten und berüchtigtsten Apachenjäger jener Zeit war der MaricopaHäuptling Juan Chivari.

Die Maricopa bewohnten die Wüstengebiete am südlichen Rand der Apacheria und waren Verbündete der Pima.

Im Spätsommer 1869 machte sich Juan Chivari mit einigen Kriegern und seinen Brüdern auf, um seinen Todfeind, den Yavapai Häuptling Wahpooeta, endlich niederzukämpfen und zu töten. Der Mestize Luis Zamora, ein Mann, der sich im Gebiet der Yavapai auskannte, begleitete die kleine Streitmacht von Maricopa und Pima.

Wahpooeta, den die Amerikaner Big Rump nannten, war ein bekannter Kriegsführer seines Volkes. Seine Erfahrungen mit den Amerikanern hatten ihm klar gemacht, dass er und sein Volk dem Untergang geweiht waren, wenn es ihm nicht gelang, die weißen Eindringlinge aufzuhalten, fortzujagen oder zu töten.

Zu der Zeit, als sich Juan Chivari mit seiner Streitmacht auf den Weg nach Norden machte, befand sich Big Rump mit einem Jagdtrupp seines Stammes in den Fußhügeln der Bradshaw Mountains. Weit entfernt, irgendwo am Date Creek, überfielen zur selben Zeit Krieger der Yavapai, die nicht zu Wahpooeta gehörten, eine Postkutsche. Der Fahrer und der Begleitmann wurden getötet, eine Kassette mit Lohngeldern geraubt. Einige Tage später begegneten diese Krieger im Castle Creek Canyon den Jägern von Wahpooeta, zu denen auch ein junger Warm Spring Apache gehörte. Delgado, der Sohn von Mangas Coloradas.

Hier, in diesem unübersichtlichen Gebiet, fühlten sich die Yavapai sicher. Es waren keine Soldaten in der Nähe. Dass für sie der Castle Creek Canyon trotzdem zu einer tödlichen Falle werden sollte, ahnte keiner von ihnen.

Tucson, Arizona, 1978 und 2015

Jefferson Parker (Werner J. Egli)

1. Die Todesfalle

Delgado erwachte, als der Junge aufstand.

Es war Nacht. Schwarz ragten die zerklüfteten Felswände des Canyons in den Sternenhimmel. Der Canyon wurde von den Weißaugen Castle Creek Canyon genannt, weil die Felsformationen aussahen wie Schlösser und Kirchen oder Türme. Die Apachen bezeichneten ihn als Tal der Stille.

Der Junge ließ die Decke von seinen Schultern gleiten, gähnte und rieb seine Hände gegeneinander. Es war die erste kalte Nacht des Jahres. Der Wind kam von Norden und hatte die Hitze des Tages schnell aus dem Canyon vertrieben. Der Mond war nicht zu sehen, aber sein Licht tropfte wie flüssiges Silber von den Klippen und Felsrändern.

Der Junge hatte die Nacht hindurch unruhig geschlafen. Das lag vielleicht daran, dass er vor wenigen Tagen ein Weißauge getötet hatte. Den Fahrer einer Postkutsche. Ein Mann mit einem schwarzen Bart und nur einem Ohr, der sich unter der umgestürzten Postkutsche verkrochen hatte. Als ihn der Junge entdeckte, stellte sich der Postkutschenfahrer tot. Der Junge kauerte sich hin und beobachtete ihn eine Weile. Er sah nirgendwo Blut. Ein Arm des Fahrers schien gebrochen zu sein. Es konnte auch sein, dass der Fahrer sich das Genick gebrochen hatte. Der Fahrer lag still. Aber dann bemerkte der Junge, wie sich seine Brust leicht hob und senkte. Das war kaum zu erkennen. Der Junge ergriff seine Lanze mit beiden Händen und stieß sie dem Fahrer von der Seite tief in die Brust, tötete ihn mit diesem einen wuchtigen Stoß, weil ihn die Spitze der Lanze mitten ins Herz traf.

Zusammen mit dem Jungen und zwei anderen Kriegern hatte Delgado diese Nacht in einer Sandmulde des Arroyo verbracht, der sich in vielen Krümmungen durch den Canyon wand. Hier, unter einer überhängenden Böschung und hinter ein paar Steinbrocken, hatte sich die Wärme des Tages eingenistet, und es dauerte lange, bis sie der Kälte gewichen war. Erst gegen Morgen begann Delgado zu frieren, denn einer der anderen hatte ihm die Decke weggezogen.

Der Junge merkte, dass er Delgado aufgeweckt hatte. Er kauerte sich hin. „Ich wollte dich nicht aufwecken“, sagte er. „Aber ich hatte einen bösen Traum. Böse Mächte aus dem Schattenreich haben mich in eine Falle gelockt.“ Der Junge lachte leise. „Ich bin tot, Bruder.“

„Du hast unruhig geschlafen“, bemerkte Delgado. Er kannte den Jungen gut. Er war ein Sohn von Pa-kah-te und hieß Antero. Er zählte fünfzehn Winter und er hatte schon drei Pima getötet. Sein Vater, seine Mutter und zwei von seinen Schwestern waren von Pima und von weißen Skalpjägern ermordet worden. Der Junge hatte noch eine kleine Schwester und einen kleinen Bruder. Er musste für sie sorgen.

Delgado setzte sich auf, rieb seine Arme und sah sich um. „Unsere Welt ist eine schöne Welt“, sagte er. „Schau nur, Antero, dafür kämpfen wir. Dass uns diese Welt erhalten bleibt.“

„So zu leben wie wir es wollen“, sagte Antero, während er sich ebenfalls umsah. „Von dem, was die Weißaugen besitzen, wollen wir nichts haben.“

„Das stimmt. Sie besitzen nichts, wenn sie geboren werden und sie besitzen nichts, wenn sie gestorben sind, aber in der Zeit dazwischen sind sie verrückt genug um zu glauben, dass sie uns unsere Freiheit nehmen könnten.“

Es war still im Canyon. Kein Wind. Keine Tiere. Die Stille konnte jene benommen machen, die in ihr nichts hörten. Nicht die Stimmen der Vorfahren. Nicht den Atem der Geister. Nicht das Flüstern der Toten. Pajaro Pinto, der Delgado empfahl, standfest zu bleiben und bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Siki, das Mädchen, das er zu seiner Gefährtin fürs Leben machen wollte. Die Warnung seines Vaters Mangas Coloradas, der von den Weißaugen hinterrücks ermordet wurde, als er ihnen traute und zu einer Friedensverhandlung gegangen war.

In der Stille hörte Delgado alles, was er hören wollte.

„Es ist so still, ich hörte den Mann sterben, den ich mit meiner Lanze getötet habe“, sagte Antero. „Seinen letzten Atemzug.“

„Denkst du an ihn?“

„In der Nacht habe ich an ihn gedacht. Bevor ich eingeschlafen bin.“

„Deshalb hattest du einen bösen Traum, Antero. Versuche vor dem Einschlafen an schöne Dinge zu denken. An einen Menschen, den du liebst. Dann träumst du einen schönen Traum.“

Eines der Pferde wieherte.

Der Junge wandte den Kopf. Er blickte hinüber zu jener Stelle, wo der Canyon breit wurde. Dort befanden sich die Pferde und die Maultiere. Einige lagen. Andere standen nahe an den Felswänden.

„Ich schaue mal nach den Pferden“, sagte Antero und nahm seine Lanze zur Hand. „Ich mag den Ort hier auch, Bruder, obwohl er voller Geheimnisse ist.“ Er schaute zum Himmel hinauf. „Die Sterne verblassen. Bald ist es Tag, und der Tag bringt das Licht und die Wärme in mein Herz zurück, Bruder.“

Delgado hob seinen Oberkörper an. Erneut wieherte das Pferd und eines der anderen Pferde, die liegend geschlafen hatten, stand auf. Ein Pferd, das aufsteht, macht viele Geräusche. Es grunzte und furzte und als es schließlich stand und gähnte, erscholl der Ruf eines Nachtfalken. Delgado hatte einen solchen Ruf seit langer Zeit nicht mehr gehört. Es schien, als hätte Pajaro Pinto, der alte Schamane, der sein Freund und Lehrer gewesen war, keinen Grund mehr gefunden, sich bemerkbar zu machen.

Delgado sprang auf und sah sich um. Nicht nach dem Falken suchte er, denn der war nirgendwo und überall. Rund um das erloschene Lagerfeuer schliefen Yavapai. Einige dieser jungen Krieger hatten die Postkutsche überfallen, andere waren als Jäger unterwegs. Mehrere von ihnen schliefen dicht beisammen in der Nähe der Feuerstelle, andere hatten sich einen Platz für die Nacht etwas vom Feuer entfernt gesucht. Unter diesen brauchte Delgado nicht lange nach Wahpooeta, den die Weißaugen Big Rump nannten, zu suchen. Der Häuptling lag allein im Arroyo, bedeckt von seiner Decke und vom Schattengewirr einiger Sträucher.

Der lang gezogene, schrille Schrei des Falken hatte den Häuptling geweckt. Bei der Feuerstelle waren jetzt auch einige der Jäger aufgewacht.

Die Lanze in der rechten Hand festhaltend, entfernte sich Antero lautlos. Er bewegte sich dabei mit der Geschmeidigkeit einer jungen Raubkatze. Aus ihm wird ein guter Krieger werden, dachte Delgado, während er ihm nachschaute. Der Junge durchquerte den Arroyo. Er ging zu dem hellgrauen Pferd, das vorhin gewiehert hatte, und redete leise mit ihm. Während er mit dem Pferd sprach, ließ er sich auf einem Stein nieder. Das Pferd hörte ihm zu. Es kannte den Jungen, liebte seine sanften Stimme. Nach einer Weile erhob sich Antero. Ohne Eile ging er auf einen Seitenarm des Canyons zu und verschwand hinter einigen Felsen.

Delgado hielt vergeblich Ausschau nach dem Falken. Er dachte an den alten Mann, der ihm Lehrmeister gewesen war. Pajaro Pinto, der gefleckte Vogel. Er hatte ihm von Welten erzählt, die Delgado nicht gekannt hatte, von Orten, die für ihn in der Unendlichkeit verschollen waren, und von Mächten, die aus dem Reich des Lichtes und aus dem dunklen Schattenreich kamen.

Weißaugen hatten Pajaro Pinto getötet, aber Delgado wusste, dass der Geist des alten Mannes da war, wenn er ihn brauchte. Er konnte ihn finden, wenn er sich selbst verließ und sich mit den Schwingen eines Falken vom Dasein entfernte. So nur war es ihm vergönnt, Pajaro Pinto zu treffen, hoch in den Lüften, tanzend im weißen Licht des Mondes und im Feuer der Sonne.

Delgado blickte zum Himmel auf. Vergeblich versuchte er einen Weg zu finden, der von ihm fortführte. Sein Geist blieb in seinem Körper gefangen, so war es unmöglich, Pajaro Pinto zu finden, den gefleckten Vogel, der zweimal gerufen hatte.

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ES WÜRDE UNS FREUEN, WENN SIE/IHR UNS AUCH DORT ALS “FREUNDE” FOLGT UND UNS EIN “GEFÄLLT MIR” SCHENKT.  DANKE IM VORAUS!


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