Ein Detektiv im Auftrag Gottes: PATER BROWN – DIE BEICHTE DES GROßINQUISITORS von J.J. Preyer

Pater Brown

Pater Brown ist ein englischer katholischer Pfarrer, der als Hobby Kriminalfälle löst. Dies gelingt ihm, indem er sich in den Täter hineinversetzt, dabei das Verbrechen selbst begeht, wie er sagt. Als Geistlicher ist er jedoch weniger daran interessiert, Verbrecher der irdischen Gerechtigkeit auszuliefern, sondern er will sie zu Gott führen; eine freiwillige Beichte des Täters genügt ihm. Es spielt für ihn keine Rolle, welches Amt diese Person bekleidet…Ein Priester, der im Auftrag Gottes handelt. Daher sieht er in dem Verbrecher in erster Linie einen sündigen Menschen, in den er sich einfühlen kann und für den er Verständnis aufbringt.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Pater_Brown

Der BLITZ-Verlag gibt neue spannende Abenteuer mit dem ungewöhnlichen Meisterdetektiv als exklusive Sammleredition heraus.

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LESEPROBE:

„Oh Gott!“, seufzte Pater Brown, als er die Frau des Dorfarztes auf sich zukommen sah. Dabei hatte dieser Tag so gut begonnen.

Seit dem Augenblick, als die Sonne über dem Städtchen Edenbridge aufgegangen war (und das war an diesem 5. März um 6.34 Uhr gewesen, zwei Minuten früher als am Tag zuvor), hatte Vogelgesang die Luft erfüllt. Pater Brown, der wie jeden Morgen verlässlich um 5.50 Uhr seinem Bett entstiegen war, freute sich über die länger werdenden Tage und den Frühling, der Anfang März mit einer Kraft über das Land zog, die den Menschen buchstäblich den Atem nahm. Vor allem der Blütenstaub von Haselnussstauden und Weiden machte vielen Allergikern zu schaffen.

Wie immer, wenn er das Gotteshaus aufsuchte oder sonst in seiner Funktion als Priester öffentlich auftrat, trug Pater Brown seine schwarze Soutane, ein bis zu den Knöcheln reichendes schwarzes Männerkleid, das an der Hüfte von dem Zingulum, einem breiten schwarzen Gürtel, zusammengehalten wurde. Auf dem Kopf hatte er einen kreisrunden schwarzen Hut, Saturno genannt. Auch sein Regenschirm, ohne den er selten unterwegs war, glänzte schwarz, nur der Stehkragen, das Kollar, leuchtete weiß.

Der Pater, der in jungen Jahren viel und gerne gelesen hatte, bevor er immer stärkere Brillen tragen musste, erinnerte sich der Canterbury Tales von Geoffrey Chaucer, in denen der Lenz enthusiastisch begrüßt wurde und die Menschen in der blühenden Landschaft Englands auf Pilgerfahrt gingen. Er könnte Mrs Stiltskin vorschlagen, mit ihrem Frauenverein Anfang April, nach Ostern, eine Pilgerreise nach Canterbury zu unternehmen. Das würde Edenbridge drei, vier Tage von der Tyrannei der energischen Person befreien. Wenn man sie darüber hinaus dazu überreden könnte, auch die Rückreise zu Fuß anzutreten, sogar eine ganze Woche. Immerhin war Canterbury fünfzig Meilen von Edenbridge entfernt.

Pater Brown zog seinen runden Hut. „Einen wunderschönen guten Morgen, Mrs Stiltskin.“

„Grüß Gott“, erwiderte die Frau schroff. „Gut, dass ich Sie treffe, Hochwürden.“ Die große, hagere Frau Mitte vierzig lehnte ihr Fahrrad an die Buchsbaumhecke, die den Zugang zur St. Lawrence Kirche säumte und trocknete mit einem weißen Taschentuch ihre schweißnasse Stirn. „Ich hasse das Frühjahr“, klagte sie. „Es bringt nichts als Beschwerlichkeiten.“

Pater Brown, der insgeheim nicht das Frühjahr, sondern die Symptome der beginnenden Menopause für die Probleme der Arztfrau verantwortlich machte, setzte den Hut auf sein exakt gescheiteltes graues Haar und lächelte freundlich. „Mich erinnert diese Jahreszeit an Chaucers Canterbury Tales und die beginnende Saison der Pilgerreisen. Dabei dachte ich …“

„Ich bin nicht bereit, mich mit Ihnen über dieses unmoralische Buch zu unterhalten!“, unterbrach ihn Mrs Stiltskin. „Ich habe ein ganz anderes Anliegen.“

„Nur zu, ich bin ganz Ohr.“ Der Pfarrer beobachtete zwei kopulierende Tauben auf dem Dach der kleinen, aus Backstein gebauten Kirche. Er dachte an die vielen Taufen, die neun Monate nach den anregenden Frühlingstagen (und vor allem den lauen Nächten) anfallen würden, und erinnerte sich an die Taufe des Sohnes von Dorfarzt Medwin Stiltskin und seiner Frau Florence. Der kleine Patrick war einer der wenigen Säuglinge gewesen, die bei der Zeremonie, in deren Verlauf den Kindern Weihwasser über den Kopf geträufelt wurde, nicht geschrien hatten. Patrick war immer sehr ruhig und viel zu ernst gewesen – kein Wunder bei diesen Eltern, die in religiösen Dingen päpstlicher als der Papst waren. Pater Brown musste bei diesem Gedanken lächeln und bemerkte zu seinem Schrecken, dass er nicht mitbekommen hatte, was Mrs Stiltskin ihm soeben erzählt hatte.

„Das ist aber interessant“, meinte er vorsichtig und versuchte auf diese Weise herauszufinden, worum es der Frau ging.

„So, interessant finden Sie das also, Hochwürden! Ich möchte Sie nicht kritisieren, aber glauben Sie wirklich, dass das die richtige Bezeichnung für einen Akt der Unmoral ist, für den sich nur schwer Worte finden lassen?“

„Darum sind Sie so schweigsam … ich verstehe“, erwiderte Pater Brown und beobachtete, wie die Frau versuchte, in seinem breiten Gesicht zu lesen, das ihn selbst manchmal, wenn er sich im Spiegel betrachtete, an das eines molligen kleinen Jungen erinnerte. Er konnte ihre Gedanken beinahe hören: Will mich der Mann beleidigen? Meinte er das eben etwa ironisch?

„Also, ich halte die Torheiten des alten Narren für einen handfesten Skandal“, legte sie los, nachdem seine mild blickenden grauen Augen sie offenbar beruhigt hatten. „Gertrude hat das wirklich nicht verdient! Sie hat ein Leben lang treu an seiner Seite gestanden.“

„Sie meinen Mrs Hepburn?“

„Wen sonst?“, kam die mürrische Antwort.

„Und der Mann hat …“

„Er ist im Krankenhaus gestorben.“

„Oh, das ist mir neu. Er war kein Katholik“, stellte Pater Brown fest.

„Aber Gertrude gehört unserer heiligen Gemeinschaft an. Sie hätte diesen Heiden nie heiraten dürfen.“

„Sie meinen den Angehörigen unserer Schwesterkirche.“

„Sie sind Heiden“, wiederholte Mrs Stiltskin trotzig.

„Aber …“

„Lassen Sie es gut sein, Hochwürden. Er ist und bleibt ein Heide.“

„Würden Sie auch unsere verehrte Monarchin, die Königin unseres Landes, als Heidin bezeichnen?“ Pater Brown versuchte die aufgebrachte Frau zu beruhigen.

„Das … das ist doch etwas vollkommen anderes! Bei der Königin handelt es sich um eine Person, die über jeden Tadel erhaben ist.“

Was man von manchen anderen Mitgliedern des Königshauses wahrlich nicht behaupten kann, dachte der Pater und beobachtete kopfschüttelnd das Treiben der Vögel auf dem Kirchdach. Hielt nicht nun jene Taube, die soeben die andere begattet hatte, still, während die zweite, die er für das Weibchen gehalten hatte, die aktive Rolle übernahm?

„Merkwürdig …“ Pater Brown konzentrierte sich nun auf das Gesicht seines Gegenübers. Mrs Stiltskin trug ein leichtes Make-up, das allerdings an der Oberlippe verstärkt war, vermutlich um Falten zu überdecken.

„Jedenfalls hat er die Strafe verdient“, sagte die Frau und wollte ihr Rad besteigen.

„Sie meinen doch nicht etwa die Todesstrafe?“

„Ich wünsche niemandem den Tod. Aber wenn ein Mann über 60 seine Frau mit einem jungen Flittchen betrügt und daran stirbt, hält sich mein Mitleid in Grenzen.“

„Woher wissen Sie das, Mrs Stiltskin? Mir war es jedenfalls bisher nicht bekannt.“

„Sie waren nicht bereit, das Heilige Blatt zu abonnieren.“

„Ach, Sie meinen dieses …“

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren Äußerungen, Pater!“, fiel ihm die Frau ins Wort.

Pater Brown wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste. Wenn Mrs Stiltskin ihn nicht mehr Hochwürden, sondern Pater nannte, war Feuer auf dem Dach.

„… dieses Vereinsblatt des katholischen Frauenvereins“, beendete er seinen Satz.

„Falsch, völlig falsch, Pater! Das Heilige Blatt hat nichts mit uns Frauen zu tun, auch wenn ich nicht leugnen kann, dass fast alle unsere Mitglieder zu seinen Abonnenten zählen.“

„Ich dachte, Sie seien die Herausgeberin?“

„Wieder falsch gedacht, Pater. Ich bin eine Leserin wie viele andere.“

„Dieses Heilige Blatt hat also berichtet, dass Mister Hepburn seine Frau mit einer anderen betrogen hat?“

„Es hat in allgemein gehaltenen Worten auf diese Torheit Bezug genommen, natürlich ohne Namen zu nennen.“

„Natürlich. Ich verstehe. Und das wollten Sie mir mitteilen, als Sie am Beginn unseres anregenden Gesprächs meinten, es sei gut, mich zu treffen.“

Die Frau schaute Pater Brown verwundert an und schien erneut zu überlegen, ob dieser so naiv und harmlos wirkende Mensch in Wahrheit boshaft und ironisch war. „Eine Einladung an Sie, Hochwürden, deshalb habe ich Sie aufgesucht. Eine Einladung zum Vortrag meines Mannes vor dem Frauenverein über Wege und Abwege der modernen Medizin. Am Freitag, in unserer Praxis.“

Sie griff in den Korb, der auf dem Gepäckträger über dem hinteren Kotflügel ihres Fahrrades befestigt war, entnahm ihm ein Kuvert, dessen Vorderseite in geschwungenen Lettern die Worte Hochwürden Pater Jeremiah Brown zierten, und überreichte es dem Adressaten. Dieser bedankte sich und setzte seinen Weg in die Kirche fort.

 

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